Impulse

Liminale Krise

Für das Dazwischen ein Wort finden

Wenn etwas Altes verloren geht oder nicht mehr funktioniert und das Neue noch nicht greifbar ist, befinden wir uns in einer Phase des Dazwischens, für die ich im Deutschen keinen speziellen oder gängigen Begriff kenne.

Manche dieser Phasen sind leicht, voller Abenteuer und Freude, andere schmerzhaft und nicht selbst gewählt. Nach einem Umzug beispielsweise, wenn der alte Ort nicht mehr Zuhause ist und der neue sich noch fremd anfühlt. Oder in der Pubertät. Für kaum eine andere solcher Zwischenphasen ist ein Begriff so geläufig. Britney Spears brachte dieses Dazwischen in einem ihrer Songs genau auf den Punkt: I’m Not a Girl, Not Yet a Woman. Kein Kind mehr und gleichzeitig noch nicht erwachsen.

Es sind Phasen, in denen das Leben sich entscheidend wandelt. Manchmal verändert sich im Innern etwas, bevor wir es einordnen können oder wissen, wohin es führt. Diese Phasen können mit Unsicherheit, Schmerz oder Orientierungslosigkeit verbunden sein, müssen aber keine Krise sein.

Irgendwie erstaunt es mich, dass wir für diese universelle menschliche Erfahrung kein eigenes Wort haben.

Das passende Wort für mich

Das Wort, das diese Erfahrung für mich am besten beschreibt, ist liminal. Es stammt vom lateinischen limen und bedeutet Schwelle. Der Ethnologe Arnold van Gennep verwendete den Begriff Anfang des 20. Jahrhunderts, um die mittlere Phase von Übergangsriten zu beschreiben. Liminalität war sein Begriff für den Raum auf der Schwelle, für den Moment, in dem man das Alte bereits verlassen hat, aber im Neuen noch nicht angekommen ist.

Später griff der Anthropologe Victor Turner dieses Konzept auf und zeigte, dass gerade diese Schwellenzeiten für die Menschen, die sie durchleben, und für die Gemeinschaft, die sie begleitet, von spezieller Bedeutung sind. In vielen Kulturen werden sie von Ritualen begleitet, die Menschen helfen, Unsicherheit auszuhalten, den Wandel sichtbar zu machen und sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. Liminalität ist also nicht einfach eine Zeit des Wartens oder der Leere, sondern ein Raum der Veränderung. Oft einer tiefgreifenden Veränderung.

Wenn ich von einer liminalen Krise spreche, meine ich eine besonders herausfordernde Form dieser Schwellen- oder Zwischenphase. Manchmal dauert das Dazwischen so lange oder fordert uns so sehr heraus, dass erheblicher Leidensdruck entsteht und bisherige Strategien nicht ausreichen. Eine Krise bedeutet für mich nicht Versagen, Verlorensein oder Zusammenbruch. Sie zeigt einen Wendepunkt an, an dem deutlich wird, dass sich etwas verändern muss und es sich lohnt, dafür Hilfe in Anspruch zu nehmen, wie auch immer diese aussehen mag.

Der Begriff ist nicht als Fachbegriff definiert. Ich finde aber, er trifft es sehr gut, schliesst nichts aus und legt nicht fest, woran jemand leidet oder weshalb sich das Leben verändert hat. Im Mittelpunkt steht eine Erfahrung unabhängig davon, mit was jemand gerade kämpft. «Nicht mehr» und gleichzeitig «noch nicht». Und der Begriff trägt in sich bereits die Hoffnung, weil ein Dazwischen keine Endstation ist.

Andere Bilder

Es gibt weitere Konzepte, die dieselbe menschliche Erfahrung beschreiben. Christian Mayer spricht von der Rätselzone, in der vertraute Erklärungen nicht mehr tragen. Auch die Heldenreise kennt diesen Moment des Verlassens der vertrauten Welt und des Betretens einer unbekannten Welt, bevor man zurückfindet in eine neue vertraute Welt. Veränderungen sind immer auch ein Wagnis und oft unvorhersehbar. Im Übergang fordern sie uns heraus, während wir uns verändern.

Worte finden für schwer Fassbares, das machen wir auch in der Kunsttherapie. Was benannt werden kann, lässt sich oft besser verstehen und manchmal auch leichter gemeinsam tragen.

Und Du?

Steckst Du vielleicht auch gerade in einer solchen Phase?
Und wie fühlt sich dieses Dazwischen für Dich an, beschwingt und voller Möglichkeiten oder eher schwer und herausfordernd?
Welchen Begriff hast du für diese Zeit?

Ich freue mich, wenn du deine Gedanken mit mir teilst.
Herzlich,
Debi

PS: Das Bild zu diesem Beitrag ist KI-generiert und inspiriert vom Vers: «Niemand flickt ein altes Kleid mit einem neuen Stück Stoff. Der alte Stoff würde an der Flickstelle doch wieder reissen, und das Loch würde nur noch grösser.» (Matthäus 9,16) Nicht alles Alte muss oder kann geflickt werden, aus dem Alten darf dann etwas Neues entstehen.

Quellen:
Mayer, C. (2016). Wie in der Psychotherapie Lösungen entstehen. Ein Prozessmodell mit Anregungen aus der Literatur- und Filmwissenschaft. Springer.

Wikipedia: Liminalität
https://de.wikipedia.org/wiki/Liminalität

und zum weiterdenken:

Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie: Liminalität – Transformationen
https://kulturanthropologie.uni-graz.at/de/neuigkeiten/vortragsreihe-liminalitaet-transformationen/